Aufbau eines DevSecOps-Reifegradmodells zur Steuerung der Sicherheitsintegration

Timon Bucher
ca. 7 Minuten Lesezeit

Die Zeiten, in denen Sicherheit erst als letzte Kontrollinstanz vor der Bereitstellung geprüft wurde, sind vorbei. In der modernen Softwareentwicklung ist Geschwindigkeit entscheidend – klassische Security-Gates werden dabei häufig zum Engpass und bremsen die Lieferfähigkeit. Viele Organisationen setzen deshalb auf DevSecOps: Sicherheitspraktiken werden direkt in den DevOps-Workflow integriert. Wichtig ist jedoch, DevSecOps nicht auf den Einkauf einzelner Tools zu reduzieren. Eine belastbare Integration entsteht erst durch Veränderungen in Kultur, Prozessen und Technologie.

Genau hier hilft ein DevSecOps-Reifegradmodell. Es dient als Orientierung, um sich von reaktiven, punktuellen Sicherheitsmaßnahmen schrittweise hin zu einer proaktiven, durchgängig integrierten Sicherheitsorganisation zu entwickeln.

Warum ein Reifegradmodell notwendig ist

Ein Reifegradmodell ist keine bürokratische Übung, sondern ein strategisches Werkzeug. Es unterstützt dabei, den aktuellen Stand realistisch zu bewerten, ein Zielbild zu definieren und einen praktikablen Weg dorthin festzulegen. Ohne einen solchen Rahmen verlaufen Sicherheitsinitiativen oft fragmentiert: Teams setzen isolierte Lösungen ein, Ergebnisse lassen sich nicht konsolidieren, oder Richtlinien werden so umgesetzt, dass sie in der Praxis umgangen werden.

Auch Studien zum Software-Lifecycle zeigen, dass leistungsstarke Organisationen Sicherheitspraktiken häufiger in den Softwarebereitstellungsprozess integrieren und dadurch weniger Zeit in die nachträgliche Behebung von Sicherheitsproblemen investieren. Strukturierte Vorgehensmodelle helfen dabei, diese Entwicklung planbar zu machen. Ähnlich betonen etablierte Frameworks zum Risikomanagement die Bedeutung klarer Prozesse, Messgrößen und kontinuierlicher Verbesserung – Reifegradmodelle sind dafür ein verbreitetes Hilfsmittel.

Stufe 1: Die reaktive Phase (Ad-hoc)

Auf der grundlegenden Ebene ist Sicherheit oft ein nachträglicher Gedanke.

  • Prozess: Sicherheitsprüfungen sind manuell und finden selten statt, meist nur kurz vor größeren Releases.

  • Kultur: Entwicklung sieht Sicherheit als Hindernis, während Security-Teams Entwicklung als risikobehaftet wahrnehmen.

  • Technologie: Es gibt wenig bis keine Automatisierung; Scans werden nur sporadisch durchgeführt.

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Ziel: In dieser Phase geht es um grundlegendes Bewusstsein und Transparenz. Zentrale erste Schritte sind ein belastbares Asset-Inventar (was betreiben und entwickeln wir eigentlich?) und der Einstieg in wiederholbare, einfache Scans, um eine erste Datenbasis zu erhalten.

Stufe 2: Die definierte Phase (Managed)

In dieser Phase beginnt die Organisation, ihren Ansatz zu formalisieren.

  • Prozess: Sicherheitsrichtlinien werden dokumentiert. Es gibt einen definierten Umgang mit Schwachstellen, auch wenn vieles noch manuell abläuft.

  • Kultur: Sicherheits-Champions werden in den Entwicklungsteams benannt und dienen als Schnittstelle zu Security-Verantwortlichen.

  • Technologie: Automatisiertes SAST wird eingeführt, läuft jedoch oft noch getrennt von der zentralen CI/CD-Pipeline.

Ziel: Standardisierung. Jedes Projekt soll eine einheitliche Baseline an Sicherheitspraktiken erfüllen. In dieser Phase beschäftigen sich viele Organisationen mit Application Security Posture Management (ASPM), um Ergebnisse aus verschiedenen Security-Tools konsistent zusammenzuführen. Dabei kann beispielsweise Aikido Security als ASPM-Ansatz genutzt werden, um Findings zu zentralisieren und die Risiko-Sicht über Teams und Projekte hinweg zu vereinheitlichen. Das erleichtert den Übergang zur nächsten Stufe, weil Priorisierung und Nachverfolgung klarer werden.

Stufe 3: Die automatisierte Phase (Integriert)

Das ist der Wendepunkt, an dem DevSecOps spürbaren Mehrwert liefert.

  • Prozess: Sicherheits-Gates sind automatisiert. Wird eine kritische Schwachstelle erkannt, schlägt der Build automatisch fehl.

  • Kultur: „Shift Left“ wird gelebte Praxis: Entwickler erhalten Feedback so früh wie möglich, idealerweise bereits in der IDE oder beim Pull Request.

  • Technologie: Sicherheitstests (SAST, DAST, SCA) sind vollständig in die CI/CD-Pipeline integriert.

Ziel: Geschwindigkeit ohne Abstriche. Der Schwerpunkt liegt darauf, Fehlalarme (False Positives) zu reduzieren und Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie schnell umsetzbar sind. Automatisierung hilft nur dann, wenn sie Entwickler nicht ausbremst, sondern klare und verlässliche Signale liefert.

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Stufe 4: Die optimierende Phase (kontinuierlich)

Auf der höchsten Reifestufe ist Sicherheit nahtlos integriert und wird kontinuierlich weiterentwickelt.

  • Prozess: Sicherheit ist datengetrieben. Kennzahlen wie Mean Time to Remediate (MTTR) oder Fix-Rate pro Severity werden kontinuierlich gemessen und verbessert.

  • Kultur: Sicherheit ist Verantwortung aller. Sie ist bereits in der Designphase verankert (z. B. durch Threat Modeling) und wird in der Betriebsphase überwacht.

  • Technologie: Erweiterungen wie Infrastructure-as-Code-Scanning und Runtime Protection gehören zum Standard. Je nach Reifegrad können auch Mechanismen zur automatisierten Wiederherstellung („self-healing“) Teil der Plattform sein.

Ziel: Resilienz. Es entsteht eine Feedback-Schleife, in der Betriebsdaten Entwicklungspraktiken beeinflussen und ganze Klassen von Schwachstellen langfristig vermieden werden.

Zentrale Komponenten eines erfolgreichen Modells

Beim Aufbau eines Reifegradmodells haben sich drei Säulen bewährt:

1. Menschen und Kultur

Tools können keine fehlende Zusammenarbeit ersetzen. Ein Reifegradmodell sollte daher konkrete Schritte für Schulung, Verantwortlichkeiten und teamübergreifende Zusammenarbeit enthalten. Prognosen und Erfahrungsberichte aus der Branche weisen darauf hin, dass Plattform-Teams zunehmend Sicherheitstools integrieren, um DevSecOps zu skalieren. Damit das funktioniert, braucht es nicht nur Technik, sondern vor allem Kompetenzaufbau und klare Rollen im Alltag.

2. Prozesse und Governance

Richtlinien müssen verständlich, umsetzbar und mit der Reife der Organisation abgestimmt sein. Eine Stufe-1-Regel kann lauten: „Einmal im Monat scannen.“ In Stufe 4 ist der Anspruch deutlich höher, etwa: „Jeder Commit mit hochkritischer CVE verhindert einen Merge in den Main-Branch.“ Das Modell sollte beschreiben, wie sich solche Vorgaben schrittweise verschärfen, ohne die Delivery zu blockieren. Orientierung bieten u. a. Leitlinien aus der OWASP-Community, die Prozess- und Governance-Aspekte entlang steigender Reifegrade konkretisieren.

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3. Technologie und Automatisierung

Starten Sie pragmatisch. Versuchen Sie nicht, alle Disziplinen (SAST, DAST, IAST, RASP) gleichzeitig einzuführen. Häufig ist ein sinnvoller Einstieg:

  • SCA zur Kontrolle von Open-Source-Risiken

  • anschließend SAST für eigenen Code

  • danach schrittweise Erweiterung um DAST und weitere Kontrollen, abgestimmt auf Risiko und Architektur

So entsteht ein kontrollierter Ausbau, der schnelle Verbesserungen liefert und gleichzeitig langfristig skalierbar bleibt.

Fazit

Der Aufbau eines DevSecOps-Reifegradmodells ist eine Reise, kein Sprint. Er erfordert Geduld, Investitionen und die Bereitschaft, Vorgehen und Verantwortlichkeiten anzupassen. Indem Sie die Transformation in klaren Stufen organisieren – von reaktiv bis kontinuierlich optimierend – schaffen Sie Transparenz, Prioritäten und eine realistische Roadmap. Das Ergebnis ist nicht nur sicherere Software, sondern auch eine effizientere und besser abgestimmte Entwicklungsorganisation.

Timon Bucher
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