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  • 01.10.2020
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Digital Kontrovers! #15: Datenmärkte – sind Daten nun Öl oder Grundwasser unserer neuen Ökonomie?

Report: „Datenmärkte – sind Daten Öl oder Grundwasser unserer neuen Wirtschaft?“

Die 15. Folge von Digital Kontrovers! beschäftigt sich mit Chancen und Risiken von Datenökonomie für Entwicklungsländer

„Ungefähr 80 Prozent der weltweiten Informationsflüsse werden heute von US-amerikanischen und chinesischen Tech-Firmen verarbeitet“, erklärte die Moderatorin Julia Wadhawan gleich zu Beginn der 15. Folge von Digital Kontrovers!, die erneut als Podcast stattfand – im Gegensatz zur letzten Ausgabe saßen sich die Gesprächsteilnehmenden in einem Studio in Berlin gegenüber.

Wadhawan machte somit deutlich: Datenmärkte sind von einem starken Ungleichgewicht, aber auch nie dagewesenen Chancen für Entwicklung, geprägt. Im Fokus des 30-minütigen Podcasts stand die Frage, wie wir Daten begreifen. Als Allgemeingut, das, wie Wasser, vor Ausbeutung geschützt werden soll? Oder, wie Öl, als Quelle privater Wertschöpfung und die für globale Abhängigkeiten verantwortlich ist?

Daten sind Macht

Für Aline Blankertz, Leiterin Datenökonomie bei Stiftung neue Verantwortung, stand zunächst fest: Daten sind Macht. Daher wies sie auf das Risiko des Machtmissbrauchs auf nationaler Ebene hin, der sich vor allem in Entwicklungsländern entfalte. Neben mangelndem Datenschutz und Schutz vor Diskriminierung, sei auch die digitale Teilhabe nicht zwangsweise garantiert, wie ein Beispiel aus Indien zeige: Mit der sogenannten Aadhaar-Nummer wollte die indische Regierung allen Bürger*innen eine Identität zuweisen. Blinde Menschen zum Beispiel, deren biometrischen Daten nicht erfasst werden konnten, wurden dabei ausgeschlossen und erhielten plötzlich keine Rente mehr.

Vor allem aber erzeugten Daten Ungleichgewichte zwischen den Ländern, die den Datenmarkt dominieren und denen, die eine schwächere Marktposition aufweisen: „Also wenn es dann afrikanische oder indische, asiatische Datenmärkte gibt und die sich aber zum großen Teil in US-amerikanischen oder europäischen Infrastrukturen abspielen, dann passiert eben auch ein großer Teil der Wertschöpfung außerhalb.“ Die Folge: Abhängigkeiten und einseitige Bestimmung über Daten, die in Entwicklungsländern produziert werden, in Industrienationen aber Profit ermöglichen.

Internationale Kooperation als Key Driver

Diesen von Blankertz aufgelisteten Risiken stimmte Max Pfeifer, Senior Manager Governement Affairs bei SAP, zwar zu, doch machte auch deutlich, dass internationale Kooperation im Digitalmarkt auch anders laufen könne. Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat SAP eine App für den ugandischen Kaffeemarkt entwickelt, die es Kleinbauern und Genossenschaften ermöglicht hat, Erträge und Umsätze zu erhöhen. Die Daten, die die Menge und Qualität des produzierten Kaffees umfassen, seien dabei in den Händen der App-Nutzer geblieben.

Für Pfeifer steht fest: Risiken sind vorhanden, doch auch Bürger*innen, Unternehmen und öffentliche Verwaltungen in Entwicklungsländern würden von globalen Datenmärkten profitieren.

Ähnlich sah es Thelma Quaye, Leiterin Digitale Infrastruktur bei Smart Africa, eine Allianz von 29 afrikanischen Staats- und Regierungschefs, die sich für einen digitalen afrikanischen Binnenmarkt einsetzt. Im entwicklungspolitischen Zwischenruf sprach sich Quaye für internationale Kooperation aus, innerhalb Afrikas aber auch zwischen der Afrikanischen und der Europäischen Union: „We believe collaboration across borders is the key to harness the totality of this new found resource.“ Elementar sei nur, dass lokale Daten geschützt und so gemanagt werden, dass Innovation stimuliert und soziale Gerechtigkeit gefördert wird.

Einheitliche Standards als Voraussetzung für gemeinsamen Datenmarkt

Wie aber lässt sich ein afrikanischer Datenmarkt etablieren, wenn die verschiedenen Länder im Bereich digitaler Fragen unterschiedlich aufgestellt sind? „Ungefähr die Hälfte der Staaten in Afrika haben überhaupt eigene Vorgaben und Gesetze entwickelt zu Datenschutz und Datensicherheit“, erklärte Pfeifer, der die sogenannte Interoperabilität – die Fähigkeit verschiedener Systeme miteinander zu arbeiten – als großes Problem ansieht.

Notwendig seien technische und rechtliche Standards für alle Mitglieder eines Datenmarkts, die die Sicherheit und Qualität von Daten gewährleiste und die Skalierung von IT-Lösungen ermögliche.

Dem stimmte auch Aline Blankertz zu, doch sei eine direkte Übertragung von technischen und rechtlichen Anforderungen, die es in der EU bereits gebe, auf den afrikanischen Kontext schwierig. Lokale Gegebenheiten müssten Berücksichtigung finden, um eine Verankerung dieser Standards zu garantieren. Diese müssten daher gemeinsam entwickelt werden und Regionen, die in der digitalen Wertschöpfungskette unten angesiedelt sind, früh in den Prozess eingebunden werden.

Einig waren sich Blankertz und Pfeifer darin, dass aber auch das gemeinsame Erarbeiten von Standards für Datenmärkte eine einseitige Prägung durch die Industrienationen nicht ausschließe. „Gerade wenn Interessen aufeinandertreffen, glaube ich, müssen wir auch erst einmal uns eingestehen, dass wir am längeren Hebel sitzen“, gab Blankertz zu Bedenken. Deshalb müsse ein Bewusstsein für diese ungleichen Machtverhältnisse in die Verhandlungen eingebracht werden.

Pfeifer zufolge müssten eher Unternehmen verstehen, dass es wirtschaftlicher sei, die Interessen der Entwicklungsländer einzubeziehen. Durch die Anpassung an die dortigen Umstände könnte der Absatz von datenbasierten Produkten und die Partizipation im lokalen Markt vergrößert werden.

„Wir halten fest: Für inklusive Datenräume brauchen Regionen Infrastruktur, Bildung und Gesetze“, fasst Julia Wadhawan abschließend zusammen. Entwicklungszusammenarbeit könne hier ihren Beitrag leisten und bestenfalls einen Austausch auf Augenhöhe in die Wege leiten. Mit dem EU-AU Data Flagship setzt das BMZ im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft einen Fokus auf die Datenwirtschaft und trägt damit, in enger Zusammenarbeit mit europäischen Partnern, zu einer gerechten Gestaltung von Datenmärkten in Afrika bei.

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