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SMS, Messenger und Social Media

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“Merry Christmas” lautete der Text der ersten SMS aus dem Jahr 1992. Heute ist das Versenden von Kurz- und Sprachnachrichten, Bildern, Videos, Dateien, Kontakten, Standorten und selbst Geld über Smartphones weltweit etabliert.

Möglich machen das Instant-Messenger-Dienste wie Threema, Signal, Line, WeChat, WhatsApp oder Telegram. Neben der Kommunikation zwischen zwei Personen bieten viele Messenger-Dienste zusätzlich die Option, Informationen mit einem größeren, ausgewählten Personenkreis zu teilen. Sie sind eine kostengünstige und schnelle Methode, um mit einer bestimmten Zielgruppe in Kontakt zu treten. Damit bieten sie eine Möglichkeit, die Arbeit der Entwicklungszusammenarbeit und der internationalen Zusammenarbeit effektiver zu gestalten.

Die Vorteile einer solchen Kontaktaufnahme sind vielfältig: als Informationsdienst in der Landwirtschaft (E-Agriculture) oder als medizinische Beratungsstelle (E-Health) für ländliche Regionen, als Frühwarnsystem für Naturkatastrophen oder auch als Feedback-Mechanismus, um Projektfortschritte zu erfassen und zu messen.

Auch Social-Media-Plattformen wie YouTube, Sina Weibo, Soundcloud, Facebook, Twitter oder Instagram bieten die nötige digitale Infrastruktur, um nutzergenerierte Inhalte wie Videos, Texte, Bilder oder sogar Podcasts mit seiner Zielgruppe zu teilen. Anders als die Kommunikation über SMS benötigt die Nutzung von Social-Media- und Messenger-Diensten allerdings eine Internetverbindung. Diese Vorbedingung ist aber in einigen Projektländern der Entwicklungszusammenarbeit und internationalen Zusammenarbeit nicht immer gegeben.

Der folgende Überblick beschreibt solche Schwierigkeiten, realistische Lösungswege sowie Möglichkeiten, mit seiner Zielgruppe zu kommunizieren.

1. MEHRWERT

Bevor SMS, Messenger-Dienste oder Social Media genutzt werden, steht immer die Frage nach dem Mehrwert für die jeweilige Zielgruppe im Zentrum des Interesses. Denn die Nutzung dieser Dienste zur Kontaktaufnahme mit bestimmten Bevölkerungsgruppen ist beliebt, und auch staatliche Akteure und Wirtschaftsunternehmen setzten auf diese Dienste. So informieren Letztere beispielsweise Bäuerinnen und Bauern über das Wetter und bewerben gleichzeitig etwa ihr neues Düngemittel. Zu Beginn der Projektplanung sollten Sie sich deshalb die folgenden Fragen stellen:

  • Welche (Informations-)Dienste existieren bereits in der Projektregion?
  • Welchen Mehrwert kann mein Dienst der Zielgruppe liefern?

So kann eine Dopplung mit bereits vorhandenen Diensten vermieden und das Alleinstellungsmerkmal in der weiteren Planung weiter herausgearbeitet werden. Eine weitere Option: Kooperationen mit Akteuren prüfen, die ähnliche Lösungen anbieten.

WAS IST EIN MEHRWERT?

Informationslücken: Der Zugang zu Informationen kann in der Landwirtschaft die Produktion erhöhen oder im Krisenfall Leben retten (zum Beispiel Tsunami-Warnung). Eine genaue Identifizierung dieses Informationsbedarfs für eine bestimmte Projektregion ist deshalb wichtig.

Qualität: Auch wenn es viele digitale Informationsangebote gibt, haben nicht alle dieselbe Qualität. Eine Kooperation mit Universitäten oder staatlichen Behörden, die Informationen überprüfen und absichern, bevor sie mit der Zielgruppe geteilt werden, kann schon einen entscheidenden Qualitätsunterschied zu ähnlichen Diensten liefern.

Spezifizierung: Informationsdienste sollten so spezifisch wie möglich auf die Zielgruppe zugeschnitten sein. Menschen, die Getreide anbauen, brauchen beispielsweise andere Wetterinformationen als solche, die ihren Lebensunterhalt mit Viehzucht verdienen. Dies schafft eine schnellere Akzeptanz aufseiten der Nutzerinnen und Nutzer.

Aktualität: Die Faktoren Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit können einen Unterschied zu schon existierenden Diensten machen. Wichtig ist dabei, genau diese Komponenten während der Projektplanung auf ihre Durchführbarkeit zu überprüfen.

2. ZIELGRUPPE

Die Zielgruppe bestimmt, welches Kommunikationsmittel sich am besten für eine Kontaktaufnahme eignet. Faktoren wie Alter, Geschlecht, Kultur, Religion, Lebens- und Wohnsituation oder das Einkommen des entsprechenden Personenkreises entscheiden über Erfolg und Misserfolg des Projekts.

Was Sie deshalb beachten müssen:

  • Mobiler Internetzugang (Zugang): Ein Mobilfunknetzwerk in 3G-Qualität ist Voraussetzung für den Einsatz von Instant-Messenger-Diensten und Social Media. Dieses ist insbesondere in abgelegenen Projektregionen oft nicht gegeben. Bevor also über die Technologie entschieden wird, muss die Netzwerkabdeckung der Zielgruppe analysiert werden. Hierfür bietet es sich an, externe IT-Dienstleister mit der Überprüfung der Netzwerkabdeckung in der Projektregion zu beauftragen. Auch nationale Telekommunikationsanbieter können Auskunft über die Netzwerkabdeckung in einer bestimmten Region geben.
  • Endgeräte: Für die Nutzung von Messenger-Diensten und Social Media braucht es ein Smartphone. Diese sind zwar mittlerweile in den Partnerländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit weit verbreitet. Trotzdem sollte vorher überprüft werden, ob die Zielgruppe über Smartphones verfügt.
  • Digital Literacy und Alphabetisierung: Für die Bedienung eines Smartphones oder Tablets und die damit verbundene Nutzung von Messenger-Diensten und Social Media braucht es digitale Kompetenzen (E-Literacy). Auch Sprache (zum Beispiel regionale Dialekte) sowie Lese- und Schreibkenntnisse müssen vorher geklärt werden. Digitale Formate wie Bilder, Videos oder Sprachnachrichten können genau hier eine Chance sein: Sie erreichen auch Menschen, die nicht lesen oder schreiben können.
  • Anreize schaffen: Ein vergünstigtes mobiles Datenvolumen oder ermäßigte Telefontarife – wirtschaftliche Anreize können die Nutzung des Angebots für die Zielgruppe attraktiver machen. Solche Anreize können mit einem regionalen Netzwerkanbieter ausgehandelt werden, der im Gegenzug als Projektpartner auftritt.

Vulnerable Zielgruppen: Bei der Ermittlung der Zielgruppe ist es wichtig, vulnerable Personengruppen einzubeziehen und zu stärken. Zum Beispiel haben viele Frauen und Mädchen schlechteren Zugang zu digitalen Technologien als Männer und Jungen. Gerade in ländlichen Gebieten gibt es oft nur ein Smartphone pro Haushalt, und das liegt nicht selten in der Hand männlicher Familienmitglieder.

Lösungsvorschläge:

  • Besondere wirtschaftliche Anreize – zum Beispiel Sonderkonditionen extra für Frauen und Mädchen – können eine Lösung sein, etwa im Rahmen der Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten von nationalen Netzwerkanbietern.
  • Um Internetzugang und damit die Nutzung frauenspezifischer Informationsdienste, wie Apps für Schwangere, zu gewährleisten, können Frauen und Mädchen in extra Programmen mit der entsprechenden Technik ausgestattet und in Trainings geschult werden.

Es ist nicht immer einfach, ein realistisches Bild über seine Zielgruppe zu bekommen. Befragungen können unwahr beantwortet und Anreizsysteme nur wegen des damit verbundenen Kostenvorteils und nicht der Inhalte wegen angenommen werden. Stetige Evaluation ist deshalb wichtig. Außerdem sollte vorher geklärt werden, wie personenbezogene Daten (Datenschutz) im Projektverlauf geschützt werden!

3. TECHNOLOGIE

Wenn der Mehrwert für eine Zielgruppe identifiziert ist, muss im nächsten Schritt die richtige Technologie ausgewählt werden. Zunächst erscheint vielleicht die Entwicklung einer eigenen App als geeigneter Weg der Kontaktaufnahme mit der Zielgruppe. Allerdings sind Kosten und Zeitaufwand hierfür sehr hoch.

In vielen Ländern sind SMS das Kommunikationsmittel der Wahl. Denn selbst in abgelegenen Regionen besteht häufig ausreichendes Mobilfunknetz. Die beschränkte Zeichenzahl oder fehlende Funktionen zum Versenden von Sprachnachrichten und anderen Dateiformaten können jedoch Gründe sein, sich gegen die SMS als Verbreitungsweg zu entscheiden.

Eine hilfreiche Methode ist es deshalb, im Sinne der digital principles digitale Lösungen zu nutzen, die …
… schon entwickelt wurden,
… frei bzw. kostengünstig zur Verfügung stehen
… und weltweit erprobt sind.

Der Vorteil: Etablierte digitale Lösungen haben die nötigen Ressourcen, um auch in Zukunft funktionsfähig zu sein. Bei der Auswahl etablierter Optionen sollten jedoch folgende Punkte beachtet werden:

  • Do no harm: Nicht alle Messenger-Dienste sind in allen Ländern nutzbar. In vielen Staaten ist es nicht gerne gesehen oder sogar verboten, Dienste zu nutzen, die eine umfangreiche Verschlüsselung der Kommunikation anbieten. Die Zielgruppe darf durch die Verwendung eines solchen Messengers nicht in Gefahr gebracht werden.
  • Prüfen: Einige Messenger-Dienste sind der Zielgruppe vielleicht nicht bekannt oder ihre Nutzung nicht geläufig. Greifen Sie daher auf Dienste zurück, die sich bei Ihrer Zielgruppe etabliert haben.
  • Application programming interface (API): Bei der Erstellung eines Informationsdienstes für eine große Zielgruppe – zum Beispiel einer Wettervorhersage für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern – muss für die immensen Datenmengen ein backend erstellt werden, das sie sammelt, systematisiert, speichert und automatisiert versendet. Möglich ist dies nur mit Open-Source-Messengern mit einer offenen Programmierschnittstelle, einem sogenannten application programming interface. Diese Schnittstelle erlaubt es, den Messenger bedarfsgerecht anzupassen und mit Informationen zu versorgen, ohne die Entwicklungskosten einer eigenen App aufzuwenden (in der Entwicklungszusammenarbeit hat sich hier unter anderem Telegram bewährt – vorausgesetzt, die Nutzung ist im Projektland gestattet).
  • Kombinieren: Die Verwendung zweier unterschiedlicher Technologien ist auch möglich. Beispielsweise kann der zusätzliche Versand einer SMS im Fall einer (Wetter-)Katastrophe die Zielgruppe schneller erreichen als eine Nachricht über die Messenger-Gruppe. Auch eine Verbindung zwischen Messenger und Social-Media-Kanälen kann hilfreich sein – so erreicht eine Information nicht nur einen begrenzten Personenkreis, sondern steht auch anderen zur Verfügung.

4. VERANTWORTUNG UND PFLEGE

Ob SMS, Messenger-Dienst oder Social Media – alle drei Optionen müssen kontinuierlich betreut werden, um von der Zielgruppe als Kommunikationsmittel akzeptiert zu werden. Dies kann automatisiert oder auch manuell geschehen. Diese Pflege und auch eine Übergabe an staatliche Institutionen oder andere Akteure sollte schon zu Projektbeginn bedacht werden.

Was Sie sonst beachten müssen:

  • Verantwortung: Der Absender von Informationen trägt die Verantwortung für die kommunizierten Inhalte. Vereinfacht gesagt: Wenn die Information “Es regnet morgen” geteilt wird, Bäuerinnen und Bauern ihre Felder mit Saatgut bestreuen und der vorhergesagte Regen ausbleibt, entsteht ein wirtschaftlicher Schaden. Dieser kann für die Menschen verheerend sein und den Fortbestand des Projekts gefährden.
  • Absicherung: Fachpersonal sollte die zu kommunizierenden Inhalte vorab validieren, um das Risiko der Falschinformation zu minimieren. Hierbei können Kooperationen mit Fachinstituten, Universitäten und staatlichen Behörden in der Projektregion helfen. Der Einbezug staatlicher Akteure kann zudem Misstrauen gegenüber dem Projekt vorbeugen.
  • Feedback und Moderation: Feedback durch die Zielgruppe kann bei MessengerGruppen und auch Social-Media-Kanälen helfen, das Projekt ziel- und bedarfsgerecht zu verbessern. Moderationsimpulse – manuell oder über chatbots – können die Diskussion voranbringen und die Nutzungsbereitschaft steigern.

In der Entwicklungszusammenarbeit können Online-Communitys und Netzwerke vielseitig eingesetzt werden: Sie …

  • … fördern Kommunikation und Koordination, um nachhaltige Entwicklung zu erreichen;
  • … wirken als effektive Katalysatoren für den Aufbau von Partnerschaften und Engagement zwischen öffentlichen und privaten Interessensgruppen;
  • … unterstützen gegenseitiges Lernen und Kapazitätsaufbau;
  • … helfen beim Aufbau vertrauensvoller Beziehungen für den Informationsund Wissensaustausch;
  • … bündeln Kompetenzen.

Die folgenden Hilfestellungen zeigen auf, wie innerhalb einer Online-Community ergebnisorientiert zusammengearbeitet werden kann und was dabei zu beachten ist. Die Tipps können auch auf Onlinenetzwerke übertragen werden. Denn auch hier sind Zielsetzung, Rollenverteilung und Aktivierung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausschlaggebend für Erfolg und Misserfolg des Netzwerkes.